Andreas Schneider

Ein alter Weg ins moderne Handwerk

Brauchtum der Walz besitzt weiterhin Aktualität
Andreas Schneider will auf Wanderschaft gehen
Handwerkskammer lobt Bereitschaft zur Reise

Von Guy Simon

Andreas Schneider wohnt in St. Georgen und ist Zimmerergeselle im dritten Lehrjahr. Einige Zimmerer folgen nach erfolgreich absolvierter Lehre einem Jahrhunderte alten Brauch und gehen auf Wanderschaft, die Walz – oder wie die Zimmerer selbst dazu sagen: die Tippelei. Dabei ziehen sie von Ort zu Ort, lediglich mit wenig Gepäck in einem Bündel und einer bestimmten Tracht. Auch Schneider will diesen Schritt wagen: „Die Vorstellung, ohne Handy und ständige Erreichbarkeit unterwegs zu sein, gefiel mir schon immer. Mir wurde dann mit der Zeit klar, dass ich genau das machen will.“

Der 24-Jährige hat sich schon immer für das Handwerk interessiert. Nach bestandenem Abitur absolvierte er ein freiwilliges soziales Jahr und half einem Landschaftsgärtner bei der Arbeit. „Wir haben ein Schlossgelände gestaltet und hatten dabei immer wieder mit einem Zimmermann zu tun. Die Arbeit hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich mich dazu entschloss, ein Praktikum in dem Bereich zu machen“, berichtet Schneider. Das machte er schließlich beim St. Georgener Holzhausbaubetrieb Schwarzwälder: „Ich wollte einfach rausfinden, ob meine Erwartungen an den Beruf auch tatsächlich zutreffen.“ Diesen Schritt habe er nicht bereut und die Arbeit gefiel ihm so gut, dass er beschloss, direkt dort die Lehre zum Zimmerer zu beginnen.

Für seinen späteren beruflichen Weg ist die Walz sicher ein Vorteil, ist Schneider überzeugt: „Man hat immer ein Büchlein dabei, in dem alle Stationen auf der Fahrt mit entsprechenden Arbeitsberichten vermerkt werden.“ Hinzu komme der Erfahrungsbonus, den man sich dadurch im Laufe der Zeit erarbeite. „Ein möglicher Arbeitgeber schätzt dann sicher auch die soziale Kompetenz, die notwendig ist, um auf der Walz zurecht zu kommen“, ergänzt Schneider. Das Brauchtum der Walz entstand im 14. Jahrhundert und die genaue Ausführung wird heute noch von den sogenannten Schächten, Vereinigungen von Zimmerergesellen, geregelt. Die Dauer der Walz variiere dabei von Schacht zu Schacht: „Standard ist meist eine Wanderzeit von drei Jahren und einem Tag, wobei der letzte Tag flexibel ist und lang gezogen werden kann wie ein Kaugummi. Manche sind da auch mal fünf Jahre lang auf der Walz“, erklärt der 24-jährige Auszubildende. Schneider will seine Walz anhand der Regeln einer der älteren Schächte namens Freie Vogtländer Deutschlands absolvieren. Dort dauert die Wanderschaft zwei Jahre. Außerdem sollte man schuldenlos, ledig und, je nach Schacht, nicht über 30 Jahre alt sein. Einen genauen Termin für den Start seiner Fahrt hat Andreas Schneider noch nicht. Vermutlich irgendwann im Oktober. Abhängig, so sagt er, sei das auch von seinem Exportgesellen. Das ist ein Schacht- Mitglied, welches ihn die erste Zeit begleitet und ihn das komplexe Brauchtum einführt: „Er gestaltet mit mir auch die Abschiedsfeier mit der gebräuchlichen Zeremonie und ist die ersten Wochen dann mein einziger Begleiter“, sagt Schneider. Auch helfe der Exportgeselle, den Stenz, den Wanderstab der Zimmerer-Gesellen, zu fertigen. Der werde selbst hergestellt und müsse zuerst im Wald gefunden und entsprechend verarbeitet werden. „Als Kleidung hat man zwei komplette Kluften dabei, eine zum Arbeiten und eine zum Wandern, die Spinnerkluft, die meistens etwas edler ist“, erklärt Schneider. Sich eine komplette Kluft anfertigen zu lassen sei allerdings sehr teuer: „Rund 1500 Euro zahlt man beim Schneider dafür. Inzwischen kann man aber auch beim Großhandel gute und günstigere Kleidung kaufen.“ Seine Eltern waren mit der Entscheidung auf die Walz zu gehen nicht so ganz einverstanden, berichtet Schneider: „Sie haben es akzeptiert, sich allerdings gewünscht, dass ich lieber etwas nicht ganz so Verrücktes machen würde.“ Im Freundeskreis kommt der Entschluss zur Walz ausschließlich positiv an: „Die finden das alle eigentlich ziemlich cool.“

Quelle: Südkurier Nr. 217 | TG, Samstag, 17. September 2016

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